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Ausrasten oder Atmen

Alltagswehwehchen

Du kennst das: Du hast einen Plan. Einen richtig guten sogar. Und dann kommt das Leben um die Ecke und macht damit ungefähr das, was ein wild gewordener Hund mit einem Teddy anstellt. Nehmen wir der Einfachheit halber mal diesen ganz normalen Dienstag:
Du kommst nach einem langen Tag nach Hause, freust dich auf deine Couch, einen Kaffee und fünf Minuten, in denen niemand etwas von dir will. FÜNF MINUTEN! Wir sind ja schon bescheiden.

 

Nachhausekommen

Du öffnest die Tür: im Flur stapeln sich DINGE und die Küche sieht aus, als hätte eine Horde Waschbären darin eine WG gegründet. Die Spülmaschine ist voll, Inhalt natürlich sauber und überall steht benutztes Geschirr. Im Kühlschrank herrscht gähnende Leere und, was das Fass zum Überlaufen bringt: irgendjemand hat deinen Schokoladenvorrat für den Notfall gefunden. Dabei ist DAS ein Notfall!

 

Willkommen in Phase 1: ICH RASTE AUS!

Im Kopf tagt sofort der außerparlamentarische Untersuchungsausschuss: was genau ist hier geschehen und wer wird wie dafür zur Rechenschaft gezogen? Und wieso bin ich eigentlich die einzige Person in diesem Haushalt, die weiß, wo sich ein Abfalleimer befindet? Du schimpfst, schmollst, hältst innere Plädoyers und verteilst gedanklich lebenslange Küchenverbote und Taschengeldstopps…

 

Notnagel indirekte Kommunikation

Oder du sagst gar nichts, was nicht unbedingt bedeutet, dass du entspannt bist. Manchmal ist dein Schweigen auch einfach nur ein sehr gut getarnter Flächenbrand… und natürlich gibt es gesündere Arten, sich bemerkbar zu machen. Aber weißt du was? Das Brodeln braucht einen Raum und sucht sich DEN Ausdruck, der gerade möglich ist. Gefühle sind schließlich keine Gäste, die du höflich vor die Tür komplimentieren solltest, bevor du ihnen einen Tee angeboten und dir ihre Sorgen angehört hast. Es sind Anteile, die zu dir gehören und zusammenarbeiten möchten.

 

Ich nehme mich ernst

Denn unsere Gefühle haben durchaus etwas zu melden. Wut kann uns beispielsweise darauf aufmerksam machen, dass eine Grenze anormal überschritten wurde. Enttäuschung zeigt uns, dass etwas anders gekommen ist, als wir es erwartet oder gebraucht hätten. Und manchmal steckt hinter dem Ärger über eine volle Spülmaschine die viel größere Geschichte: Ich fühle mich mit all dem total allein.

 

Der innere Rauchmelder

Unser Gehirn unterscheidet dabei nicht immer besonders elegant zwischen einer tatsächlichen Bedrohung und einer Situation, die uns emotional unter Druck setzt. Die Amygdala kapert das Steuer, während das Großhirn gefesselt im Kofferraum liegt, der Körper mobilisiert Energie und der Verstand liefert uns zuverlässig Argumente, warum wir völlig zu Recht auf 180 sind. Und das Problem ist ja nicht, dass wir so reagieren. Das Problem entsteht erst dann, wenn wir glauben, dass wir jeder Reaktion folgen müssen. Und irgendwann stellt sich natürlich auch die Frage: willst du eigentlich noch länger auf diesem Vulkan sitzen bleiben? Oder bist du schon in …

 

Phase 2: NA GUT! ES IST, WIE ES IST

Du atmest tief durch, machst eine Bestandsaufnahme und stellst fest:
a) Die Schokolade kommt nicht zurück.
b) Die Spülmaschine denkt gar nicht daran, sich selbst auszuräumen.
c) Deine Familie wird über Nacht auch nicht zum Nonplusultra der Selbstverantwortung.

Akzeptanz heißt ja auch gar nicht, dass du alles toll findest, sondern dass du aufhörst, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, nur weil du dort gerne eine Tür hättest.

 

Kritischer Widerstand

Das klingt einfach. Ist es aber nicht immer. Denn zwischen „Ich will nicht, dass das so ist“ und „Ich erkenne an, dass es gerade so ist“ liegt manchmal ein ganzer emotionaler Hindernisparcours.
Wir kämpfen nicht nur mit dem, was passiert ist, sondern auch mit der Tatsache, dass es überhaupt passiert ist. Wir führen innere Prozesse gegen die Realität, obwohl die Gegenseite leider nicht verhandlungsbereit ist. Akzeptanz bedeutet deshalb nicht Resignation. Sie bedeutet, die Tatsachen anzuerkennen, ohne sie gutheißen zu müssen. Erst dann kannst du deine Energie wieder dort einsetzen, wo sie tatsächlich etwas bewirkt.

 

Inventur der Möglichkeiten

Jetzt kannst du überlegen: Was kann ich verändern? Was muss ich hinnehmen? Wo lohnt sich ein Gespräch – und wo wäre es klüger, meine Energie nicht in einen aussichtslosen Feldzug gegen die Gesetze der Physik zu investieren? Vielleicht gibt es eine klare Ansage. Vielleicht eine neue Aufgabenverteilung und vielleicht kaufst du beim nächsten Shopping-Event einfach zwei Tafeln Schokolade: eine für dich und eine als pädagogisches Anschauungsmaterial und bekommst wieder Handlungsspielraum. Und damit sind wir bei …

 

Phase 3: DANN MACHEN WIR HALT WAS DRAUS!

Du beschließt, die Küche nicht länger als Beweisstück für den allgemeinen Niedergang der Menschlichkeit sowie des Zerfalls an sich zu betrachten. Du räumst auf, wenn du es willst. Du verteilst Aufgaben, wenn es nötig ist und überlegst dir für deine Schokolade künftig eine mäandernde Versteckstrategie. Plötzlich ist der Dienstag nicht mehr der Tag, an dem du grenzenlos an deiner Familie verzweifelst, sondern der Tag, an dem du eine Grenze gezogen und etwas verändert hast.

 

Das ist Kunst und kann nicht weg

Das ist nämlich die eigentliche Kunst: aus dem, was passiert, wieder etwas basteln zu können.
In der Psychologie nennt man einen wichtigen Teil davon Selbstwirksamkeit: das Vertrauen darauf, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Du kannst nicht immer bestimmen, was dir begegnet, aber du kannst lernen, deinen Umgang mit egal was, bewusster zu gestalten.

 

Der Unterschied zwischen Kontrolle und Selbstbestimmung

Kontrolle möchte, dass die Welt sich bitte an unseren Plan hält. Selbstbestimmung weiß, dass das Leben diesen Wunsch gelegentlich mit einem amüsierten Lächeln quittiert. Nicht jede Krise ist eine Chance. Manchmal ist sie einfach Mist in Tüten. Aber selbst dann kannst du irgendwann entscheiden, wo du ihn abstellst und welchen Weg du weitergehst. Vielleicht lernst du etwas oder du änderst deinen Kurs und eventuell stellst du sogar fest, dass du viel mehr Möglichkeiten hast, als du im ersten Moment wahrnehmen konntest. Und manchmal wird es hinterher sogar viiieeeel besser als vorher. Nicht, weil das Universum heimlich einen Masterplan für dich hatte, sondern weil du angefangen hast, deinen eigenen zu schreiben.

 

Das Leben ist kein Wunschkonzert

Aber du darfst die Playlist zusammenstellen. Wenn du diese drei Phasen kennst, kannst du dir beim nächsten emotionalen Totalschaden viel früher auf die Schliche kommen und die Notbremse ziehen: „Ah, Phase 1! Ich möchte gerade drei Menschen enterben, eine Person zur Rede stellen und danach alleine wohnen.“ … und dann fühlst du erst mal, was du fühlst, ohne zu vergessen, dass du nicht für alle Ewigkeit im ersten Impuls verharren musst, weil Gefühle zwar wichtige Informationen sind, aber keine Gebote.

 

Erlaubnis zum Sein

Du darfst auch einfach wütend sein, ohne sofort einen Marterpfahl aufzustellen, du darfst enttäuscht sein, ohne gleich deine ganze Zukunft schwarz zu malen und du darfst etwas ungerecht finden, ohne gleich einen Selbsthilfeverein zu gründen und da deine ganze Energie reinzuballern. Zwischen dem, was passiert, und dem, was du daraus machst, gibt es einen kleinen, manchmal verdammt schwer erreichbaren Spielraum. Je besser du dich selbst verstehst, desto leichter wirst du ihn zukünftig nutzen können.

 

Angewandte Selbstbestimmung

Selbstbestimmung bedeutet nicht, immer hübsch gelassen zu bleiben, sondern zunehmend selbst entscheiden zu können, wie du mit den Absonderlichkeiten umgehst, was das Leben dir manchmal auftischt:
1. Ich raste aus und ich darf das fühlen und thematisieren
2.
Ich akzeptiere, erkenne an, was gerade ist und vor allem, was ich nicht ändern kann
3.
Ich gestalte, indem ich bewusst nutze, was ich verändern kann
Selbstbestimmung bedeutet nämlich nicht, dass du das Wetter kontrollierst,
sondern lernst, bei Gegenwind die Segel neu zu setzen, anstatt wütend gegen den Wind anzuschreien.

 

Übereiltes Handeln vermeiden

Und falls du gerade mitten in Phase 1 steckst: keine Panik! Du musst nicht sofort erleuchtet vom Küchenboden hinaufschweben. Du musst nicht liebeswert sein und zur Abwechslung auch mal niemandem gefallen. Vielleicht reicht es für heute ja schon, die Schokolade für den nächsten Notfall zu verstecken.

Den Rest machen wir morgen.