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Was für eine Zumutung

Lebenslang dranbleiben – eine Zumutung

Es gibt Wortkombinationen, die klingen schon beim Aussprechen nach einem persönlichen Weltuntergang: „Lebenslang dranbleiben“ ist eine solche Kombination. Das ist ungefähr so sexy wie: „Lass uns doch heute Abend gemeinsam die Steuererklärung sortieren, Schatz.“

 

DAS wollte ich nicht

Ich möchte bitte JETZT SOFORT ein besseres Leben… am besten bis Donnerstag… und bitte, ohne dass ich dafür dauerhaft irgendetwas verändern muss: ohne Bewegung, ohne Müssen, ohne sichtbare Anstrengung und vor allem ohne Flat.

 

Eine Woche geht immer

Eine Zucker-Diät? Na Klar! – Sieben Tage schaffe ich. Das ist voll überschaubar. Da kann ich morgens noch stolz sagen: „Ich esse jetzt einfach keinen Zucker mehr.“
bis 14:37 Uhr. Dann kommt meine Nachbarin mit einem Stück Kuchen vorbei und plötzlich wird aus meinem Vorhaben eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob dieses Gebäck nicht unter „mir etwas Gutes tun“ fällt und ich der Nachbarin ja auch nicht vor den Kopf stoßen darf.

 

Fasten?

Natürlich! Auch das schaffe ich! Ich faste heute mal und ich fühle mich hochmotiviert!
Also …
bis Mittag… vielleicht… wenn mein Kreislauf mitspielt.

 

Und Bewegung?

Aber selbstverständlich! Ich gehe heute zu Fuß zum Supermarkt. Das sind immerhin 600 Meter und es fühlt sich lebensverändernd an! Das mache ich jetzt immer!
Auf dem Rückweg nehme ich mir dann allerdings ein Taxi, weil ich ja jetzt schon genug für meine Gesundheit getan habe.

 

Die Königsdisziplin: „Ich kaufe das jetzt nicht!“

Ich gehe heute nicht auf diese Website, weil ich in Wirklichkeit gar nichts brauche… und wir haben ja auch schon zwei davon…
Okay… ich schließe jetzt den Browser… weiß gar nicht, wie ich hier schon wieder hingekommen bin…
„Ich bin so stark, frei, klar…“
Ups! Gekauft!

 

Und DAS dauerhaft?

Entschuldige mal!? DAUERHAFT? Ja, spinnst Du jetzt?! Ich bin dann mal raus. ‚Dauerhaft‘ klingt nach einem Fitnessstudiovertrag, den ich nicht mehr kündigen kann oder einer Zimmerpflanze, wegen der ich nicht mehr in den Urlaub fahre, weil ich sie plötzlich für die nächsten 17 Jahre gießen muss oder einem HUND! Ich wollte doch eigentlich nur kurz mein Leben verändern… also ein wenig nur… eigentlich!

 

Der kleine Haken

Wir wollen Veränderung gerne als Projekt mit klaren Parametern: Start – Durchziehen – Erfolg – Fertig – Haken dran… das Gehirn schwimmt in Glückshormonen, wiegt sich in den Orgelklängen des Universums und spürt einen Hauch von Unbesiegbarkeit, murmelt: „Super. Haben wir das jetzt erledigt… nächstes Thema bitte!“… und dann zieht es sich wieder filmreif in den Auto-Mode zurück.
Und genau hier sitzt der kleine Kobold mit der Büroklammer und sagt: „Äh … nee, Du!

 

Nachhaltige Programme

Ein neues Verhalten wird nicht dadurch Teil deiner Software, dass du es einmal so richtig grandios machst, sondern leider nur… und ich wiederhole mich vermutlich… durch ständige Wiederholung.
Es fühlt sich selten spektakulär oder heroisch an, untermalt mit dramatischer Musik im Hintergrund, mit Wunderkerzen und Konfetti-Kanonen. Oft ist es gerade mal so aufregend wie Zähneputzen… aber genau DAS ist die gute Nachricht.

 

Mein Leben ständig verbessern

Ja, aber druckfrei! Es geht doch nur darum, das Leben immer wieder ein kleines bisschen lebendiger zu gestalten und das ist tatsächlich ein riesengroßer Unterschied.
Persönliches „ dauerhaftes Dranbleiben“ heißt vielleicht gar nicht:
„Ab heute meditiere ich jeden Morgen
2 Stunden, mache 30 Minuten Yoga mit Mady, ernähre mich nur noch basisch, tracke mindestens 10.000 Schritte täglich, buche einen Spanisch-Kurs bei der VHS um die Ecke und werde dadurch ein emotional vollkommen ausgeglichener Mensch.“

 

Das Erfolgsrezept

Heute mache ich (maximal) eine Sache, die mir guttut und morgen vielleicht wieder, denn Gewohnheiten müssen nicht aussehen wie die spirituelle Excel-Tabelle von Anselm Grün. Sie dürfen Spaß machen. Sehr sogar.

 

Der revolutionäre Anti-Selbstoptimierungs-Fahrplan

Ich habe deshalb einen vollkommen unseriösen Plan entwickelt. Er ist nicht von mir erfunden worden, nicht TÜV-geprüft und es gibt auch keine App dazu. Du brauchst nicht einmal eine Yogamatte. Ich arbeite hier dran täglich, auch wenn mein Couchbeauftragter dagegen ist:

Spaß gehabt

Jemandem zugelächelt

Jemandem ein Kompliment gemacht

Mir selbst ein Kompliment gemacht

Etwas winzig Kleines zum ersten Mal ausprobiert

Mich einmal so richtig durchbewegt

Etwas getan, nur weil ich Lust darauf hatte

Etwas gelassen, obwohl ich dachte, ich müsste es tun

Einmal bewusst tief durchgeatmet

Über mich selbst gelacht

 

Packungsbeilage

Du musst nicht jeden Punkt abhaken, nicht jeden Tag besser werden und nicht einmal jeden Tag etwas davon schaffen. Du musst lediglich wiederkommen: morgen, übermorgen, nach einem verkorksten Wochenende mit Chips, gebingewatchter Lieblingsserie und dem Gefühl, dass du dein Leben endgültig gegen die Wand gefahren hast.

 

Das ist dranbleiben

Wirklich! Du kommst einfach wieder… mehr nicht: weder perfekt, noch dauermotiviert und auf keinen Fall niemals rückfällig, weil Du jederzeit immer wieder anfangen kannst und nach jeder Rückkehr automatisch ein Stück weiter bist. So als würdest Du im Knast sitzen und jeden Tag eine Kerbe in die Wand ritzen… und es werden immer mehr, je näher Du der Freiheit kommst!

 

Eine unerwartete Lösung

Mach es so klein, dass Dein Schweinehund beleidigt ist. Anstatt: „Ich werde jetzt eine Stunde Sport machen.“ tanzt Du vielleicht ein Lied. Statt: „Ich ernähre mich ab sofort komplett gesund.“, esse ich heute einmal etwas, das mir wirklich guttut. Und ich werde ab jetzt auch nicht viel mehr unternehmen, sondern: gehe heute mal fünf Minuten raus.

 

Ich muss endlich glücklicher werden!

Falsch – böse Falle! „Ich tue heute etwas, das mir wirklich Spaß macht.“ Das ist die Idee hinter Atomic Habits: es geht weder darum, Dein ganzes Leben auf links zu drehen noch Mr. bzw. Mrs. Optimum zu werden. Mach kleine Handlungen einfach so selbstverständlich, dass sie sich verdammt leicht anfühlen, anstatt ständig wehzutun und an der Pforte Deiner Disziplin zu herumzubuckeln.

 

Ich muss nicht müssen

Das Leben ist schließlich kein Bootcamp für Persönlichkeitsentwicklung, sondern für Neugier, für Bewegung und Erleben… dieses kleine: „Och … das war jetzt eigentlich ganz schön.“, das dazu führt, dass Du es nochmal machst, weil Dein Leben dadurch unscheinbar ein kleines bisschen bunter geworden ist – ganz ohne Zwang… und auf einmal bist du – völlig unbemerkt – drangeblieben… Aaaaargh!
Fies, oder?!

 

Es funktioniert tatsächlich

Und falls Du heute nur eine Sache davon machst: hab Spaß.
Der Rest wird sich daraus entwickeln.

So geht Lebendig Leicht Leben

 

 

Die Gärtnerin meines Lebens