Jedes Jahr dasselbe
Es gibt diesen einen geflügelten Satz. Er fällt jedes Jahr, wird mit ernster Miene gesagt, manchmal sogar feierlich wie ein Pakt beschlossen und wir alle kennen ihn: „Also… DIESES JAHR schenken wir uns wirklich nichts.“… und dann passiert immer Folgendes: alle nicken, alle sind erleichtert, alle lügen, einige haben bereits etwas auf Lager und grinsen heimlich in sich hinein.
Warum wir wortbrüchig werden
An Weihnachten stehen sie dann da. Frohlockend. Mit Taschen. Mit Paketen. Mit diesem Blick von: „Ach, das ist ja nur eine Kleinigkeit…“ – Nein! Ist es nicht! Es ist eindeutig ein Geschenk…. und alle wissen es. Auch die, die wirklich keins haben. [Kleiner Tipp: Es gibt ein Buch mit dem Titel „NICHTS – wie du es dir gewünscht hast“ – vielleicht vorsichtshalber ein paar mehr bestellen]
Ranzoomen, bitte
… Schenken ist keine Schuldigkeit und keine Anzahlung. Schenken ist Biochemie, denn wenn du jemandem etwas schenkst – wirklich schenkst, nicht abarbeitest – passiert Folgendes:
[Schwenk – weg vom Weihnachtskitsch, direkt ins Gehirn, genau genommen ins dortige Chemielabor]
Geschenk wird übergeben, Laborant* schüttet große Mengen Oxytocin über einen Trichter ins Nervensystem. Es stärkt direktamentos die Bindung, die Nähe und das (Selbst-)Vertrauen.
Infolge steigt der Serotoninspiegel, mit ihm das Wohlgefühl und die innere Stabilität.
Und wenn das Gehirn dann noch merkt: „Oh, das kam an“, gibt es obendrauf einen Dopamin-Boost, sprich Belohnung, Freude und Motivation pur. In diesem feierlichen Moment werden Wiederholungstäter* geboren.
Schenken ist evolutionsbedingter Egoismus
Schenken fühlt sich also gut an, weil es gut ist: für dein Nervensystem, für deine Beziehungen, für deinen inneren Triebtäter* und deshalb können wir’s auch nicht lassen. Nicht, weil wir gemein sind oder weil wir brav sind und Werten folgen, sondern weil unser System sagt:
„Mach das nochmal!“, denn ja – Schenken verbindet und kleine Geschenke erhalten die Freundschaft! Es ist nicht das Objekt, das dabei zählt, nicht der Preis, auch nicht die Verpackung – was verbindet, ist die Botschaft dahinter:
Ich habe an dich gedacht! Du bist mir nicht egal! Ich habe mir Zeit genommen!
Und genau deshalb sind diese „Ach-nur-was-Kleines“-Geschenke oft die größten, weil sie nicht aus Pflicht kommen, sondern aus Kontakt.
Beschenkt werden
Ach ja. Da ist noch so ein Thema. Die meisten Menschen können schenken, aber nicht empfangen und das finde ich noch anstrengender, als sich gegenseitig traditionell in die Tasche zu flunkern. Du greifst in den großen Weihnachtsbeutel, holst ein in Zeitungspapier geschlagenes Etwas heraus und übergibst es feierlich… und dann kommt da sowas wie:
„Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen“
„Oh Gott, das ist viel zu viel“
„Jetzt hab ich gar nichts für dich…“
Die X-Mas-Challenge
Stopp. Atmen. Zurück in den Körper. Zurück auf Los. Geschenke anzunehmen ist wirklich keine Schwäche. Es ist eindeutig eine Kompetenz… und sie ist simpel, heißt, sie kann gelernt werden – die erwachsene, würdige, nervensystemfreundliche Antwort lautet einfach nur: „Danke!“ Nicht mehr. Nicht weniger. Kein Rechtfertigen. Kein Abwerten. Kein peinliches Weglachen. Ein echtes Danke von Herzen ist kein Ego-Trip. Es ist ein Geschenk zurück.
[Und in meiner Welt muss ein Danke nicht mal gesagt werden – ein Lächeln von Herzen reicht vollkommen und ist fast noch wertvoller]
Weihnachts-Reset
Wenn du ein Geschenk kleinmachst, machst du auch die Geste klein. Und damit den Kontakt. Vielleicht ist das dieses Jahr die eigentliche Einladung:
Schenke, wenn du schenken willst. Nicht aus Zwang. Nicht aus Vertrag.
Nimm an, wenn du beschenkt wirst, mit Würde, Präsenz. Mit einem klaren „Danke“ und hör auf, diesen Satz zu sagen und zu glauben: „Wir schenken uns nichts.“
Wir schenken uns immer etwas
Aufmerksamkeit, Nähe oder eben ein Päckchen mit Schleife. Und eigentlich ist genau das gesund… für das Herz, für unser Hirn, für die Verbindung.
In diesem Sinne: Frohes Oxytocin für ein Weihnachten mit weniger Theater und mehr echtem Kontakt. Schenk Dich glücklich.

