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Ich bin unehrlich.

(Ein Interview mit Dr. Sommer)

Dr. Sommer:
Du schreibst gleich im Betreff:
„Ich bin unehrlich.“
Das ist… ungewöhnlich ehrlich. Was meinst du damit?

Ich:
Ich sage den Menschen oft nicht direkt, was ich denke oder fühle. Also… nicht denen, um die es eigentlich geht. Stattdessen erzähle ich es anderen, Freunden, Bekannten
halt. Und ich weiß, dass das nicht sauber ist – aber ich mache es trotzdem.

Dr. Sommer:
Warum?

Ich:
Weil ich Angst habe:
vor Streit, vor Ablehnung und vor dieser peinlichen Stille, wenn jemand anders reagiert als ich hoffe.

Dr. Sommer:
Damit bist du nicht allein. Studien zeigen, dass rund
70 % der Menschen schwierige Gespräche vermeiden, selbst wenn das langfristig belastet. Nicht aus Bosheit, auch wenn sie es so empfinden – sondern aus Angst. Dein Verhalten ist also kein persönliches Versagen, sondern ein gelerntes Schutzmuster.

Ich:
Naja, ich nenne das dann „Unterstützung holen“ und sage mir: Ich will mich nur sortieren.
Aber eigentlich erzähle ich die Geschichte so, dass die anderen sagen:
BOAH, EY! Also ganz ehrlich – diese Person geht gar nicht!

Dr. Sommer:
Und was passiert dann in dir?

Ich:
Kurz… Erleichterung.
Ich habe das Gefühl, ich kann wieder atmen… aber danach kommt dann was Komisches, wie so ein Reset. Ich fühle mich nicht wirklich ruhig. Eher leer und werde auch noch ärgerlicher. Dann muss ich mir manchmal noch mehr Unterstützung holen.

Dr. Sommer:
Das ist kein Widerspruch – das ist Biologie. Bestätigung wirkt wie ein kurzfristiges Beruhigungsmittel,
aber sie löst den Konflikt nicht. Sie fixiert ihn. Dein Gehirn speichert: Ich habe recht. Ich bin cool. Ich muss nichts verändern. Du bleibst also in der gleichen Schleife, nur mit mehr Zeugen. Das ist eine Form von Selbsthypnose.

Ich:
Das heißt… obwohl mir so viele Menschen sagen, dass ich im Recht bin, fühle ich mich trotzdem nicht befriedigt?

Dr. Sommer:
Genau.
Du hast zwar den Applaus, aber keine Lösung, Recht, aber keinen Frieden… weil dein Nervensystem ja nicht nach Recht sucht, sondern nach Klarheit und innerer Sicherheit. Und die bekommst du nicht durch Zustimmung, sondern durch Kongruenz, also den Mut, das zu sagen, was stimmig ist – und zwar dort, wo es hingehört.

Ich:
Ich merke auch, dass ich
den anderen irgendwann nicht mehr ganz traue und mich frage: meinen die das wirklich oder sagen sie das nur, weil sie keinen Stress wollen und sich nicht trauen mir zu sagen, dass ich im Unrecht bin?

Dr. Sommer:
Das ist die nächste Ebene. Während du dich klein hältst, weil du nicht
offen, ehrlich und direkt sprichst – halten andere dich ebenfalls klein, indem sie dir aus ihrer Angst vor Konflikten nach dem Mund reden. Das ist sozusagen Teamarbeit auf hohem Niveau und ein doppelt ungesunder Akt: zwei oder sogar mehr Menschen vermeiden Ehrlichkeit und nennen das dann Unterstützung oder Freundschaft.

Ich:
Und dann denke ich plötzlich, dass bestimmt auch andere hinter meinem Rücken über mich reden.

Dr. Sommer:
Auch das ist eine logische Folge. Menschen schließen automatisch von sich auf andere. Wenn du Beziehungen über Dritte regelst, geht dein Gehirn davon aus, dass das alle so machen. Das erzeugt Misstrauen und Einsamkeit, obwohl du von Menschen umgeben bist.

Ich:
Ja, aber ich fühle mich oft angespannt und irgendwie orientierungslos, so als müsste ich immer erst hören, was andere denken, bevor ich weiß, was ich denke und vor allem, wie ich mich verhalten soll.

Dr. Sommer:
Das ist ein
sehr wichtiger Punkt. Denn hier passiert etwas, das viele übersehen: wenn du dich ständig über andere rückversicherst, verlierst du schleichend deine innere Autorität. Du verlagerst Entscheidung, Bewertung und Sicherheit nach außen. Nicht bewusst, aber dauerhaft. Die Folge ist kein Frieden, sondern eher eine Art Abhängigkeit.

Ich:
Also bin ich unehrlich, weil ich eigentlich Nähe und Sicherheit will und fühle mich dann einsam und verraten, obwohl ich doch „so viele Menschen habe“, die auf meiner Seite sind?

Dr. Sommer:
Ja,
denn Zustimmung ersetzt keine innere Wahrheit. Im Gegenteil: Dein Nervensystem bekommt widersprüchliche Signale. Außen: Zustimmung. Innen: Spannung. Diese Inkongruenz macht müde, gereizt und unzufrieden. Und sie verhindert Entwicklung.

Ich:
Das klingt ehrlich gesagt ziemlich hoffnungslos.

Dr. Sommer:
Nein. Es ist unbequem, aber heilbar. Du bist nicht unehrlich, weil du schlecht bist. Du bist unehrlich, weil dein System gelernt hat, dass du ein schnelles Pferd brauchst, wenn du ehrlich bist.

Ich:
Ja… aber wie soll ich das denn ändern?

Dr. Sommer:
Solange dein Körper Konflikt mit Gefahr verwechselt, wirst du Ehrlichkeit vermeiden – egal, wie sehr du es
ändern „willst“. Also brauchst du ein anderes Verhalten und das bekommst du, indem du aufhörst, das Gefühl sofort loswerden zu wollen: mehr ist es nicht. Kein Kurs, kein Mindset, kein Gespräch und kein „Ich erklär das mal jemandem“.
Deine Herausforderung ist
ja nicht die Angst, sondern dein Umgang damit… nämlich, dass du die Angst sofort wegschiebst und damit Veränderung vermeidest. Du willst, dass sie verschwindet, dass jemand sie beruhigt, dass jemand dir Recht gibt, damit du dich besser fühlst und genau dadurch trainierst du sie.
Du änderst das, indem du
zum ersten Mal gar nichts machst: nicht reden, nicht erklären, nicht teilen, nicht rechtfertigen. Nur bleiben .

 

Die 2-Minuten-Übung: Ich halte mich selbst aus“

1. Stopp: sobald du merkst: Ich muss das jemandem erzählen.“, 
innerlich Stopp. Nicht analysieren, nicht diskutieren, nur stoppen.

2. Einen Ort finden: frag dich nicht, warum du dich so fühlst, sondern nur: 
Wo spüre ich das im Körper: Brust, Hals, Bauch, Kiefer, … 
und dann leg eine Hand genau dorthin. 
Nicht trösten, nicht beruhigen, nur Kontakt.

3. Nichts-Tun: jetzt kommt der wichtigste Teil: 
nicht denken, nicht reden, nicht lösen wollen. 
Sag innerlich nur diesen Satz: Ich halte das jetzt selbst.“und dann atmen, spüren, da sein lassen. 
Und ja, das fühlt sich leer an und das fühlt sich unfair an und dein System wird meckern.
Und genau hier lernt dein Nervensystem etwas Neues.

4. Entscheidung: nach 2 Minuten frag dich: 
Muss ich das jetzt wirklich jemandem erzählen 
– oder ist es schon weniger?“ und in 8 von 10 Fällen ist es weniger... 
nicht weg, aber nicht mehr besitzergreifend.

 

Was diese Übung langfristig bewirkt
Du lernst, innere Spannung auszuhalten, ohne sie weiterzureichen, hörst auf, Zustimmung als Beruhigungsmittel zu nutzen, übernimmst die Verantwortung für deine Gefühle und erlebst Ehrlichkeit nicht mehr als Angriff, sondern als Selbstkontakt. Dann brauchst du keine Meinung mehr von außen, das Vertrauen wächst, du wirst klarer, ruhiger, direkter, redest weniger über Menschen und mehr mit ihnen.
Das macht dann zwar nicht nett, aber frei. Und dafür reicht kein guter Vorsatz, sondern Arbeit unterhalb des Denkens. Der Wendepunkt ist dieser Satz: Ich brauche keine Zustimmung, um ehrlich zu sein.“ – ein Trainingssatz für dein Nervensystem.

Denn Glück entsteht nicht dort, wo dir viele Menschen recht geben. Es entsteht dort, wo du dich nicht mehr verbiegen musst, um dazuzugehören. Und genau das beginnt mit einem einzigen Schritt… Aufhören, über andere zu reden und anfangen, bei dir zu bleiben, denn Du kannst nur eins:
Recht haben oder glücklich sein.


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